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Roger Goodell – vom Praktikanten zum Commissioner

ROGER GOODELL – VOM PRAKTIKANTEN ZUM COMMISSIONER

Am Wochenende steht das erste von vier London Games für diese Saison an. Nachdem die NFL International Series 2005 mit Spielen in Mexico noch von seinem Vorgänger etabliert wurde, setzte der amtierende NFL Commisioner Roger Goodell (60) sie mit Einführen der Spiele in London fort. Goodell ist eine Person die die Gemüter spaltet. Beliebt bei Teambesitzern und nach einigen fragwürdigen Entscheidungen, verschrien und unbeliebt bei den meisten Fans der Liga. Dies lässt sich jedes Jahr erneut beim NFL Draft beobachten, wo er immer wieder gute Miene zum bösen Spiel abgibt und hartnäckig versucht die Buh-Rufe weg zu lächeln. Während seinen bisher 13 Jahren als Manager der NFL die Fanbase rund um die Welt aber enorm an und scheffelt mehr Geld als je zuvor, sodass die NFL in Sachen Sportligen nun das Maß der Dinge darstellt.

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peu á peu nach oben

Roger Stokoe Goodell wurde am 19. Februar 1959 in Jamestown, New York geboren. Als Sohn des US Senators Charles Ellsworth Goodell absolvierte er die Bronxville High School als Sportler des Jahres, da er dort in Sachen Football, Basketball und Baseball als bester Spieler galt. Kurze Zeit später war die sportliche Karriere allerdings schon vorbei, Verletzungen hielten Goodell davon ab College Football zu spielen. Somit konzentrierte er sich auf seine Bildung und schloss das Washington & Jefferson College in Washington 1981 mit einem Abschluss in Wirtschaft ab.

Schon ein Jahr später begann sein Werdegang in der NFL. 1982 begann er ein Praktikum in der Ligaverwaltung in einem Büro in New York, das ganze unter dem damaligen Commissioner Pete Rozelle (+70, Hall of Fame). Ein Jahr später absolvierte er ein einjähriges Praktikum bei den New York Jets, kehrte 1984 trotz vieler Jobangebote verschiedener Franchises aber wieder in sein altes Büro zurück, als Assistent für öffentliche Arbeiten der NFL. 1987 erfolgte die Ernennung zum Assistenten des Präsidenten der AFC, Lamar Hunt (+74), wo nun größere Aufgaben anstanden. Von nun an bekleidete Goodell verschiedene Funktionen im Bereich Football und Business. Darauf folgte das Amt des „Executive Vice President and Chief Operating Officer“, oder kurz COO der NFL. Als COO übernahm er die Überwachung aller Geschäftsaktionen der Liga, Marketing, Vertrieb sowie Stadionentwicklung und wurde Stück für Stück zum heutigen Finanzgenie.

Als der damalige und äußerst beliebte NFL Commissioner Paul Tagliabue (78, HoF) im Jahr 2005 bekannt gab, nach Abschluss der Saison sein Amt niederlegen zu wollen, witterte Goodell die Chance seines Lebens und rückte sich für das Amt ins Licht. Der Commissioner wird seit 1941 von den Teambesitzern mit einer zweidrittel Mehrheit gewählt. Diese konnte 2006 in vier Wahlrunden keiner der Kandidaten für sich verbuchen. Erst in Runde fünf stieg die benötigte Mehrheit zu Gunsten von Goodell und gegen den einzig verbleibenden Gegenkandidaten Gregg Levy. So kam es dazu, dass 23 Teambesitzer für, und acht Teambesitzer gegen den neuen NFL Chef wählten. Der damalige Besitzer der Oakland Raiders, Al Davis (+82 HoF), enthielt sich in jeder Runde.

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Bisherige Amtshandlungen

Eine der ersten Amtshandlungen des Neuen war das Schließen der vor allem hierzulande so beliebten NFL Europe. Von 1995 bis 2007 bestand die Aufbauliga quer durch Europa und bat für nicht gedraftete Spieler und Underdogs ein Sprungbrett in die NFL oder eine zweite Chance für die sportliche Karriere. Akteure wie William „the Refrigerator“ Perry (56), Adam Vinatieri (46), James Harrison (41) und sogar Kurt Warner (48, HoF), der später zu den besten Quarterbacks der NFL zählte, nutzten die Chance der Ablegerliga. Wie bereits oben genannt, erweiterte er stattdessen die NFL International Series und etablierte das erste London Game.

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Sein Amt als Ankläger und Richter in Einem sorgt bei vielen für Unmut, 2007 schwappte eine Welle von Sperren und Suspendierungen durch die Liga. Zum ersten Mal wurden 2010 auch Spieler wegen zu harter Hits auf dem Feld bestraft. Vorwürfe, er würde den Sport verweichlichen kamen von allen Seiten. Wie zum Beispiel vom damaligen Star Safety der Pittsburgh Steelers Troy Polamalu (38). Für Aufruhr sorgte die nur zwei Wochen andauernde Sperre von Ray Rice (32), damaliger Runningback der Baltimore Ravens. Rice schlug seine damalige Freundin in einem öffentlichen Aufzug KO. Nach zwölf Wochen, jeder Menge Druck von politischer Seite und dem Erscheinen von Kamerabildern, verlängerte er die Sperre schließlich doch noch auf unbestimmte Zeit. Immer wieder fällt auf dass es Goodell an Empathie und Durchschlagskraft fehlt. Bei Drogenkonsum oder Alkohol versteht Goodell keinen Spaß und sperrte Spieler teilweise bis ans Ende ihres Lebens. Stars wie Kareem Hunt (24, Cleveland Browns), Tyreek Hill (25, Kansas City Chiefs) oder Adrian Peterson (34, Washington Redskins), welche immer wieder handgreiflich gegenüber Frauen oder Kinder wurden, bekamen unter Goodell immer wieder neue Chancen und gar keine bis lächerlich kurze Strafen. Hier hätte längst ein Zeichen gegen häusliche Gewalt gesetzt werden müssen, wenn man bedenkt dass es sich bei jedem der genannten um Wiederholungstäter handelt.

2007 ging es furios weiter. Head Coach Bill Belichick (67) von den New England Patriots wurden zu einer maximalen Strafe von $500.000 verdonnert, die Franchise selbst musste $250.000 Strafe entrichten und ihnen wurde der erstrunden Draftpick für die folgende Spielzeit entzogen. Der Vorfall: Die Patriots filmten Trainingseinheiten der New York Jets, um hinter ihr defensives Playcalling zu kommen. Goodell hielt eine Geldstrafe für effektiver als eine Sperre oder eine Suspendierung.

Fünf Jahre später folgte das allseits bekannte Bounty Gate der New Orleans Saints. Verteidiger und Coaches der Saints zahlten in einen Pot ein, dieser wurde ausgezahlt wenn ein Gegner auf dem das Kopfgeld ausgesetzt war, das Spielfeld verletzungsbedingt verlassen musste. Anheizer der ganzen Sache war Gregg Williams (61, heute DC der New York Jets) der damalige Defensive Coordinator in New Orleans, er wurde suspendiert, heuerte aber bereits ein Jahr später bei den damals noch in St. Louis beheimateten Rams an. Sean Payton (55) wurde für die ganze 2012er Saison gesperrt, die Franchise musste $500.000 Strafe abrichten und ihre zweitrunden Draftpicks für 2012 und 2013 abgeben.

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Seit jeher sieht Goodell seine Hauptaufgabe darin, das Spiel ums lederne Ei sicherer zu gestalten. Manche seiner Aktionen sind aber mehr als zwiespältig. Als 2011 eine Sammelklage ehemaliger Spieler der NFL wegen ungenügender Schutzmaßnahmen einflatterte, leugnete der Commissioner zuerst jeglichen Zusammenhang zwischen Gehirnverletzungen und Gehirnerschütterungen im Football. Etwa 4500 weitere Spieler schlossen sich der Klage an. Doch bevor es zu einem Prozess kam, einigte man sich überraschend außergerichtlich auf eine Summe von $765 Mio. CTE (Chronisch Traumatischer Enzophalopathie) in Verbindung mit Football und vielen anderen Sportarten ist heute nichtmehr zu leugnen, Forscher sprechen von 80% Geschädigten unter Footballspielern. Die NFL steckt mittlerweile einige Millionen in die Erforschung verschiedener Möglichkeiten die Krankheit zu verhindern und zu behandeln, in Augen vieler Kritiker und Ärzte allerdings viel zu wenig.

Vor der Spielzeit 2018 reagierte Goodell auf die häufig geäußerte Kommerz-Kritik an der Liga und versprach die Anzahl von Werbespots in den TV-Übertragungen der NFL Spiele zu reduzieren. Zu Werbungen vor und nach bestimmten Spielzügen sagte er: „Ich hasse das auch.“. Natürlich sind die meisten Fans hier seiner Meinung. Vergleicht man die Übertragungen von College Spielen mit deren der NFL, fällt einem sofort auf dass es kaum möglich ist die der NFL mit noch mehr Werbung voll zu stopfen, während die Spiele der Colleges kaum Werbepausen einlegen. Am Ende hieß es jedoch: Außer Spesen nichts gewesen. Alles blieb wie gehabt und die Unbeliebtheit des Commissioners stieg weiter.

Natürlich formte Goodell die NFL seit seinem Amtsantritt zu einem finanziell unglaublich lukrativen Unternehmen. Seit 2006 stieg der Umsatz von $6 Milliarde auf fette $15 Milliarde pro Jahr und es ist noch lange nicht Schluss, Tendenz noch immer klar steigend. Den größten Einnahmeposten belegen die TV-Verträge in Gesamthöhe von etwa $5 Milliarde. Für den wirtschaftlichen Erfolg lässt sich der Commissioner fürstlich entlohnen, ein Vorteil wenn man seinen Arbeitsvertrag selbst schreiben kann und nur die Zustimmung der Franchise Besitzer benötigt. 2017 war dies der Fall, Goodell gab sich selbst einen Fünf-Jahres-Vertrag, welcher ihm satte $200 Mio. für die nächsten fünf Jahre einbringe sollte. Nach längeren Diskussionsrunden wurde dieser auch unterzeichnet, nur Cowboys-Owner Jerry Jones (76) schoss heftig gegen den Commissioner. Der Texaner, der bereits bei der Wahl 2006 als Gegner von Roger Goodell galt, drohte sogar mit einer Klage und wollte seine Unterschrift partout nicht unter dessen neuen Arbeitspapiere setzten. Später verlief sich das Ganze allerdings im Sand und der Chef der NFL bekam was er wollte. Eine kleine Klausel im Vertrag sichert ihm übrigens zusätzlich das Nutzen des Ligaeignen Privatjets bis an sein Lebensende.

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Man muss dem Commissioner allerdings auch positiv anrechnen, dass er die NFL mit seiner enormen Erfahrung in Sachen Marketing zur größten und beliebtesten Liga der ganzen Welt geformt hat und der Aufschwung nicht abreißt. Ob seine Beliebtheit in den nächsten Jahren Zuwachs erhält ist aber nicht absehbar. Zu oft ändert er seine Meinung und verhält sich wie ein Fähnchen im Wind, welcher meist von den Team Besitzern geblasen wird. Klare Statements sind stets Fehlanzeige, immer wieder wird er als Marionette des reichen, weißen Mannes bezeichnet. Allgemein ist Goodell kein Vertreter der Spieler, sondern der der Team Besitzer. Kein Wunder, schließlich sind diese sein Arbeitgeber und sorgen dafür, dass er seinen Geldspeicher weiter füllen kann.

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